Im Gespräch mit Inga Wiele, 16. November 2017

Der zweite Salontalk – mitten in der ohnehin recht hektischen Herbstsaison. Ein bisschen atemlos zwischen einer ganzen Reihe von Moderationen und: nicht weniger aufregend als bei der Premiere im Juli… Der Frankfurter Turm empfängt mich schon mit einer größeren Vertrautheit und zeigt sich im Winter von einer ganz anderen Seite. Die Distanz zu Berlin da unten scheint irgendwie größer. Wir schweben ein bisschen über dieser so schlecht beleuchteten Stadt. Wir – einige bekannte und vertrauter Gesichter, ein paar neue. Und wieder Verbindungen, die mir vorher gar nicht mehr bewusst sind. Ich mag diese Momente, wenn alle ankommen, den Raum wahrnehmen, die anderen Leute, und irgendwie sofort da sind.

Wie schön, dass mein zweiter Gast Inga Wiele den Weg von der Nordseeküste nach Berlin gemacht hat. Inga Wiele ist Gründerin des Beratungsunternehmens gezeitenraum und Expertin für Design Thinking. Hier ein paar Inspirationen aus dem Salontalk und Gedanken zum Thema:

Design Thinking und die Kraft, das künstlerische Ich zu entwickeln: Die Methode des Design Thinking ist in aller Munde und erfreut sich auch in vielen Führungsetagen großer Beliebtheit. Die Hoffnung: Aus den eingefahrenen Wegen herauskommen, Kreativität wecken und Innovationen generieren. Wege finden also, um den großen Herausforderungen der digitalen Transformation zu begegnen. Am besten in einem Tagesworkshop. Der Hype, mit dem Design Thinking dabei mitunter daher kommt, wird dem Potenzial allerdings nur unzureichend gerecht. Denn im Kern geht es um eine grundsätzliche Haltungsfrage: Die Entwicklung von ‚creative confidence‘ und den Glauben daran, dass jede und jeder die Welt verändern bzw. gestalten kann.

Veränderungen brauchen Sicherheit und Zutrauen: Veränderungen sind jedoch oft mit Unsicherheit(en) verbunden – auf allen Seiten. Design Thinking ist eine Methode, Sicherheit und Transparenz in Veränderungen zu geben. Eine Struktur, in der Teams gut zusammen arbeiten können: ein verlässliches Gerüst, um gemeinsam voran zu gehen und selber Ideen zu entwickeln und Probleme zu lösen. Aber es geht auch darum, den Menschen Freiheit zu geben – was in großen Organisationen ja vielfach ungewohnt ist – und daran zu glauben, dass alle (!) das Potenzial haben, den kreativen Prozess zu bereichern.

Was uns daran hindert, kreativ zu sein: Irgendwie verstörend – es ist die Angst, sich lächerlich zu machen, nicht ‚das Richtige‘ zu tun. Schon in der Schule wird den meisten von uns beigebracht, Dinge ‚richtig‘ zu machen. Richtig im Sinne der Bewertungskriterien. Leider geht es dabei nur selten darum, einen eigenen Stil zu entwickeln, oder auch mal nicht perfekt zu sein. Die Schule fördert in der Regel keine Kreativität. Gesellschaftliche (Leistungs-)Bewertungskriterien haben meist nichts mit Freiheit zu tun. Doch eines ist klar: Veränderungen werden immer schneller vor sich gehen. Umso wichtiger: Die Ermunterung zu, vielleicht nicht immer perfektem Handeln, aber zu freiem und kreativem Denken. Das hat Folgen, die womöglich nicht allen gefallen, denn: Wer einmal Freiheit erlebt hat, tut sich schwer in die Hierarchie zurück zu gehen

Wenn wir uns verändern, gestalten wir auch unsere Umgebung: Ein Beratungsunternehmen in Sankt-Peter-Ording. Vielleicht nicht der ideale Ort, um eine neue Existenz aufzubauen. Aber gezeitenraum ist das beste Beispiel, wie wir, indem wir uns verändern, auch unsere Umwelt in Bewegung setzen. Die eigene Vorstellung von Leben und Arbeiten vor Augen haben Inga und Christian Wiele genau das gemacht: ausprobieren, überall hingehen, in Frage stellen, Ideen mit anderen entwickeln. Wie auch beim Design Thinking: Erst wenn der Prototyp da ist, fängt die Arbeit eigentlich an.

Vielen Dank, liebe Inga Wiele für die Offenheit und die persönlichen Einblicke! Danke an alle für die Diskussion - und die Spenden! Sie gehen auf Wunsch von Inga an das Kinderschutzzentrum Westküste in Husum. Ich freue mich über das erste Jahr mit den Salontalks – 2018 geht es weiter!

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